Zu viel maskuline Energie? Warum das meistens an den Männern liegt, nicht an dir

Du bist nicht zu maskulin. Du bist seit Jahren im Überlebensmodus – und das ist ein Unterschied

Von Sabrina Krebs Rahtgens | Frau Machseinfach

Das Problem hat einen Namen – und er klingt nicht nach dir

Ich sitze mit Franziska in einem Erstgespräch. Sie ist Anfang vierzig, selbstständig, Mutter von zwei Kindern, trägt ihre Erschöpfung wie einen unsichtbaren Rucksack – vollgepackt, nie abgesetzt. Sie sagt den Satz über zu viel maskuline Energie, den ich in den letzten Jahren so oft gehört habe, dass ich inzwischen weiß: Dahinter steckt eine Geschichte, die falsch erzählt wurde.

„Ich glaube, ich bin einfach zu sehr in meiner maskulinen Energie.“

Sie schaut mich an, als würde sie auf eine Bestätigung warten. Auf ein Nicken, das ihr sagt: Ja, du bist das Problem. Du bist zu viel. Du bist falsch. Wir müssen mehr Yin-Yoga machen, um das zu balancieren. Oder noch ein Feuer-Ritual. 

Ich nicke nicht.

“Franziska, du bist nicht zu sehr in deiner maskulinen Energie. Du hast dich zu lange mit unsicheren Männern umgeben, die deine Überlebensinstinkte aktiviert haben. Und dann hast du das System übernommen, das diese Männer gebraucht haben, um sich sicher zu fühlen – weil du keine andere Wahl hattest.”

Das ist der Unterschied zwischen einer Diagnose, die dich klein macht, und einer Wahrheit, die dich befreit.

Zu viel maskuline Energie? Das steckt wirklich dahinter

Lass mich dir erklären, was in deinem Nervensystem passiert ist. Nicht metaphorisch. Neurobiologisch.

Pete Walker, Psychotherapeut und Trauma-Experte, hat das beschrieben, was er die vier F-Reaktionen nennt: Fight, Flight, Freeze – und Fawn. Das Fawning, auf Deutsch oft als „Unterwürfigkeit“ übersetzt, ist das Muster, das am wenigsten Aufmerksamkeit bekommt. Und das am häufigsten mit Frauen assoziiert wird. Übrigens auch bei Hunden und mit Hunden ein Thema, aber das besprechen wir auf www.dogenius.com 

Fawning bedeutet: Du regulierst andere Menschen, um dich selbst sicher zu fühlen. Du scannst Räume. Du passt deine Energie an. Du antizipierst Bedürfnisse, bevor sie ausgesprochen werden. Du machst dich angenehm, formbar, nützlich – weil dein Nervensystem gelernt hat, dass das der sicherste Weg ist.

Das ist keine Schwäche. Das ist Intelligenz unter Überlebensdruck.

Und jetzt kommt der Teil, den die meisten Coaches auslassen: Fawning ist nicht passiv. Wenn das Fawning nicht mehr funktioniert – wenn der andere Mensch weiterhin unberechenbar, kritisch, abwesend oder emotional instabil ist – schaltet das Nervensystem um. Es aktiviert die nächste Stufe der Verteidigung.

Es aktiviert Kontrolle. Leistung. Hyper-Funktionalität. Alles selbst machen. Niemanden brauchen. Immer einen Schritt voraus sein.

Das nennt die Welt dann „maskuline Energie“.

Gesunde maskuline Energie ist etwas anderes. Besprechen wir in einem anderen Artikel.

Was das kostet

Shelley Taylor, Psychologieprofessorin an der UCLA, hat Anfang der 2000er-Jahre etwas herausgefunden, das die Traumaforschung verändert hat: Frauen reagieren unter Stress nicht nur mit Kampf oder Flucht. Sie reagieren mit „Tend and Befriend“ – sie kümmern sich um andere und bauen Verbündungen auf. Nicht weil sie so nett sind. Sondern weil das, evolutionär gesprochen, eine effektivere Überlebensstrategie war, wenn du schwanger warst, ein Kind trugst oder von physisch stärkeren Bedrohungen umgeben warst.

Das bedeutet: Dein Nervensystem ist nicht das Gleiche wie das eines Mannes. Es ist auf Verbindung ausgelegt, auf Regulierung durch Gemeinschaft, auf sozialen Zusammenhalt als Sicherheitsanker.

Und jetzt stell dir vor, was passiert, wenn dieses Nervensystem – das auf Verbindung angewiesen ist – über Jahrzehnte folgendem ausgesetzt wird:

Einkommensverantwortung tragen. Kinder gebären, stillen, versorgen, emotional begleiten. Den Haushalt managen. Die Beziehungen in der Familie zusammenhalten. Den Partner emotional regulieren. Gleichzeitig politisch in einer Welt leben, die Frauenkörper, Frauenrechte und Frauenexistenz seit Jahrhunderten verhandelt – und in der die wirtschaftliche Sicherheit für Frauen strukturell brüchiger ist als für Männer.

Das ist kein individuelles Versagen. Das ist chronische Überlastung eines Nervensystems, das niemals die Chance hatte, sich zu erholen.

Ailey Jolie, Somatic Psychologist und Gründerin der INBODY Method, bringt es auf den Punkt: Disembodiment ist kein persönlicher Fehler. Es ist ein Nebenprodukt der Welt, in der wir leben. Einer Welt, die strukturell dafür gebaut wurde, uns in unseren Köpfen zu halten und von unserem Körper zu trennen.

Der Körper, der nicht mehr gespürt wird, ist kein schwacher Körper. Es ist ein Körper, der zu lange zu viel getragen hat und schließlich die Verbindung gekappt hat – als letzten Schutz.

Und wenn du lange genug getrennt von deinem Körper funktionierst, wenn du lang genug das Nervensystem von anderen regulierst und dein eigenes dabei übergangen hast, dann siehst du aus wie jemand, die „zu viel maskuline Energie“ hat.

Du bist nicht zu viel. Du bist erschöpft. Das ist etwas anderes.

Der Shift, der alles ändert

Hier ist die Frage, die ich Franziska stelle – und die ich dir jetzt stelle:

Wann hast du angefangen, so zu funktionieren?

Nicht: Wann hat es sich verschlimmert. Nicht: Wann war es am schlimmsten.

Wann hast du angefangen?

Die meisten Frauen, mit denen ich arbeite, können es benennen: Es begann in einer Beziehung, in der ihre Emotionen zu viel waren. In einer Kindheit, in der sie früh gelernt haben, sich anzupassen, um geliebt zu werden. In einem System – Familie, Arbeit, Gesellschaft –, das ihnen signalisiert hat: So wie du bist, bist du zu viel. Also werde handlicher.

Das ist der Moment, in dem Fawning beginnt. Das ist der Moment, in dem das Nervensystem lernt: Passe dich an. Reguliere. Funktioniere. Bleib unsichtbar genug, um sicher zu sein.

Und das läuft ab dann automatisch. Unbewusst. Schneller als jede bewusste Entscheidung.

Pete Walker beschreibt, wie Fawning sich über die Zeit in eine chronische Identität verwandelt – in ein Selbstbild, das vollständig darauf aufgebaut ist, die Bedürfnisse anderer zu antizipieren und die eigenen zu unsichtbar zu machen. Nicht weil du keine Bedürfnisse hast. Sondern weil dein Nervensystem zu dem Schluss gekommen ist, dass deine Bedürfnisse gefährlich sind.

Der Shift ist nicht anders zu werden. Der Shift ist zu begreifen, dass das, was du „Persönlichkeit“ nennst, zu einem großen Teil eine Überlebensstrategie ist.

Und Überlebensstrategien kann man – wenn man sich sicher genug fühlt – ablegen.

Ein System, das trägt statt treibt

Ich werde dir jetzt kein 5-Schritte-Programm verkaufen. Aber ich werde dir sagen, was ich in meiner Arbeit immer wieder beobachte – und was die Forschung bestätigt:

Nervensystemarbeit kommt zuerst.

Nicht Mindset. Nicht Strategie. Nicht Journaling-Prompts, die du um Mitternacht ausfüllst, weil du tagsüber keine Zeit hattest.

Zuerst muss dein Nervensystem lernen, dass Ruhe keine Bedrohung ist. Dass du keine Leistung erbringen musst, um sicher zu bleiben. Dass du existieren darfst, ohne gleichzeitig nützlich zu sein.

Das klingt einfach. Es ist radikal.

Konkret bedeutet das drei Dinge:

  1. Benennen, was ist. Nicht dramatisieren. Nicht minimieren. Klar sehen, was dein Nervensystem gerade macht – und warum. Wann aktiviert es sich? In wessen Nähe? Bei welchen Anforderungen? Welche Muster tauchen immer wieder auf?
  2. Den Körper zurück ins Gespräch holen. Entscheidungen, die nicht körperstimmig sind, werden nicht umgesetzt – das ist keine persönliche Schwäche, das ist Biologie. Der Körper hält das Veto. Also fangen wir an, ihn zu befragen, bevor wir entscheiden.
  3. Die Geschichte neu erzählen – aus Wahrheit, nicht aus Trauma. Was du für deine Persönlichkeit gehalten hast, ist zum Teil eine Geschichte, die in einer Zeit des Überlebens geschrieben wurde. Die Frage ist nicht: Wer bin ich wirklich? Die Frage ist: Wer bin ich, wenn ich mich sicher fühle?

Das ist die Arbeit. Sie ist nicht glamourös. Sie ist nicht schnell. Aber sie trägt – auf eine Art, die keine Überlebensstrategie jemals könnte.

Was möglich ist

Ich will dir nicht versprechen, dass du danach eine andere Person bist. Ich verspreche dir etwas Besseres:

Du wirst dich sein. Nicht die Version von dir, die gelernt hat, sich anzupassen. Nicht die Version, die funktioniert, damit andere sich sicher fühlen. Nicht die Version, die ihre eigene Erschöpfung mit „ich bin halt eine starke Frau“ überschreibt.

Die Version von dir, die weiß: Ich muss niemanden regulieren, um bleiben zu dürfen.

Das verändert alles. Wie du Entscheidungen triffst. Wie du Beziehungen wählst. Wie du arbeitest. Wie du dich selbst behandelst, wenn niemand zuschaut.

Franziska hat am Ende unseres Erstgesprächs etwas gesagt, das ich nicht vergesse.

„Ich dachte immer, das Problem bin ich. Dass ich einfach zu viel bin. Aber vielleicht war das Problem nie, dass ich zu viel war – sondern dass ich zu lange bei Menschen war, denen mein Echtsein Angst gemacht hat.“

Ja. Genau das.

Jetzt bist du dran

Du kannst diesen Artikel lesen und ihn in zwei Tagen vergessen haben. Du kannst nicken, ihn teilen und morgen genauso weitermachen wie heute.

Oder du kannst aufhören, das Problem zu sein – und anfangen, die Lösung zu finden.

Wenn du spürst, dass da etwas ist – ein Zug in deiner Brust, eine leise Stimme, die sagt: das bin ich – dann lass uns reden.

Nicht in einem Vorgespräch, das sich anfühlt wie ein Verkaufsgespräch. Sondern in einem echten Gespräch darüber, was du trägst, wie lange du es schon trägst – und ob es Zeit ist, es abzusetzen.

→ [Erstgespräch vereinbaren – kostenlos, ohne Verpflichtung]

Du musst das nicht alleine herausfinden. Und du musst es nicht noch schneller, effizienter oder disziplinierter angehen.

Du musst nur aufhören, dir selbst zu glauben, dass du das Problem bist.

Sabrina Krebs Rahtgens ist Transitions-Coach für Frauen, Expertin für Mensch-Hund-Beziehung und Nervensystemregulation – und arbeitet körperbasiert, direkt und ohne Schönfärberei. Mehr unter fraumachseinfach.com

Quellen & Inspirationen:

  • Pete Walker: Complex PTSD: From Surviving to Thriving (2013) – Fawn-Reaktion als vierter Trauma-Response
  • Shelley Taylor et al.: Biobehavioral Responses to Stress in Females: Tend-and-Befriend, Not Fight-or-Flight (Psychological Review, 2000)
  • Ailey Jolie / INBODY Method: inbodymethod.com – Somatic Psychology, Disembodiment und die kulturellen Kräfte dahinter
  • Stephen Porges: Polyvagale Theorie – Nervensystemzustände und ihre Auswirkung auf soziales Verhalten