Warum ich Hunde mehr liebe als Menschen – und was das mit Hochsensitivität zu tun hat

(und warum das vielleicht gar nicht stimmt)

Mir fehlte etwas als Kind. Nicht dieses: „Aber du hast doch alles: Dach über dem Kopf, Heizung, Kleidung, Essen.“ Ja. Das war alles da. Was auch da war: Ich nahm viel mehr wahr als die meisten Menschen um mich herum. 

Ich spürte Energien. 

Früh. Die good vibes und die bad vibes.

Ich wusste nicht, dass die anderen das nicht taten. Das mit den Energien und dem Spüren. Heute weiß ich, dass das mit Hochsensitivität zu tun hat.

Schon mal in einen Raum gekommen und du dachtest: „Boah, scheiß Stimmung!“ (Familienfeier mit Urgroßtante Erna) oder „Wow, hier lässt es sich mal aushalten. Bitte so für immer!“ (gechillte Strandbar mit Schirmchen-Mocktail). Das. Das ist Energiespüren. Kann jeder. Manche – können es mehr.

Ich bin so jemand. Hochsensitiv.

Wenn jemand seinen ausgeglichenen Zustand verlässt, dann weiß ich das. Sofort. Ich weiß auch oft, warum. Und als Kind habe ich schnell gelernt, dass die meisten Erwachsenen sehr schlecht darin sind, sich selbst zu regulieren. Hätte ich damals nicht so formulieren können, aber heute kann ich das – und es auch noch wissenschaftlich erklären:

Als hochsensitiver Mensch hat man ein besonders fein kalibriertes Spiegelneuronensystem. Man nimmt den emotionalen und physiologischen Zustand anderer Menschen buchstäblich körperlich wahr – nicht als Interpretation, sondern als direkte neurologische Reaktion. Hinzu kommt: Das autonome Nervensystem kommuniziert ständig mit seiner Umgebung, ob wir wollen oder nicht. Stephen Porges nennt das Neurozeption – die unbewusste Einschätzung von Sicherheit und Gefahr, die schneller läuft als jeder bewusste Gedanke. Wer hochsensitiv ist, hat diesen Sensor auf Empfang gestellt – und dreht ihn nicht einfach ab.

Was Hochsensitivität wirklich bedeutet – und was das mit Hunden zu tun hat

Die meisten Erwachsenen in meiner Kindheit hatten keine Ahnung, was in ihrem eigenen Nervensystem gerade passierte. Aber ich schon. Ich war ihr unbezahltes Frühwarnsystem.

Mama ist gestresst. Papa ist still – aber nicht die gute Art von still. Oma redet viel, aber ihre Augen lachen nicht. Das kleine Mädchen registriert: Gefahr. Nicht die Messer-und-Feuer-Art von Gefahr. Die andere. Die soziale. Die, die bedeutet: Verbindung ist gerade nicht sicher.

Und dann lernt das kleine Mädchen etwas Brillantes.

Es lernt, den Raum zu verändern. Mit einem Witz. Mit einem Lächeln. Mit besonders lieb sein. Mit nicht auffallen. Mit funktionieren.

Die Wissenschaft nennt das heute Ko-Regulation – der Prozess, durch den sich unser Nervensystem an das eines anderen Menschen anpasst. Säuglinge überleben buchstäblich damit. Erwachsene sollen es irgendwann selbst können. Sollen.

Was ich damals machte, hatte sogar einen Namen – den kannte ich aber erst viel später: Fawning. Der vierte Überlebensmodus, neben Fight, Flight und Freeze. Beschrieben von Pete Walker, selbst Trauma-Überlebender und Therapeut. Fawning bedeutet: Ich passe mich an, ich reguliere dich, ich mache mich klein – damit du nicht explodierst. Damit ich bleiben darf.

Traumatisierte Intelligenz. Nichts anderes.

Das Problem daran? Es funktioniert. Zumindest kurzfristig. Und alles was kurzfristig funktioniert, wiederholt man. Und wiederholt man. Und wiederholt man. Bis man irgendwann dreißig, vierzig, fünfzig ist und immer noch reflexhaft den Raum scannt, bevor man entscheidet wer man heute ist.

Hunde lügen nicht

Und dann – Hunde.

Phaedra war meine erste. Eine Mischlingsdame mit dem Selbstbewusstsein einer Diva und der Loyalität einer Ordensschwester. Und sie hat mich innerhalb von Wochen entwaffnet – weil sie das Einzige war in meinem Leben, das sich nicht regulieren ließ.

Ich konnte ihr Fawning-Lächeln zeigen. Sie hat gegähnt.

Ich konnte besonders lieb sein. Sie hat trotzdem das Sofa besetzt.

Ich konnte perfekt funktionieren. Sie hat mich angeschaut mit diesem Blick, der sagt: „Ich sehe dich. Nicht die Version. Dich.“

Das war nicht süß. Das war erschütternd.

Weil zum ersten Mal jemand – etwas – da war, das keine menschliche Performance von mir brauchte. Das keine regulierte, angepasste, gefällige Version von Sabrina wollte. Das einfach mit dem Original auskam.

Mit mir.

Und Hunde? Die haben ebenfalls Spiegelneuronen – und ein Nervensystem, das sich über Jahrtausende der Co-Evolution mit uns Menschen darauf spezialisiert hat, genau das zu lesen: unseren Zustand. Unsere Herzfrequenz. Unsere Atemtiefe. Unseren Cortisol-Spiegel. Studien zeigen, dass Hunde die emotionalen Gesichtsausdrücke von Menschen aktiv verarbeiten – und darauf reagieren. Sie regulieren uns. Ohne Agenda. Ohne Gegenleistung.

Aber wollen sie wirklich?

Das ist die eigentliche Frage. Oder wollen sie – weil sie es gelernt haben? Weil die Hunde, die Menschen nicht lesen wollten oder konnten, über Jahrtausende schlicht weniger überlebt haben? Weil Anpassung an den Menschen ihr Überleben gesichert hat?

Klingt bekannt.

Wir Menschen nennen das Fawning.

Das ruhigste Nervensystem im Raum gewinnt

Natürlich hatte – und habe – ich solche Begegnungen auch mit Menschen. Momente echter Regulation, echter Ruhe, echter Präsenz. Es ist kein Zufall, dass mein Freundeskreis sich so zusammensetzt wie er sich zusammensetzt: Menschen aus der Therapeuten- und Ärzteschaft. Menschen, die jahrelange eigene Arbeit hinter sich haben. Menschen, die den Unterschied kennen zwischen „Ich bin gerade aufgewühlt“ und „Das ist dein Problem.“

Die, kurz gesagt, Eigenverantwortung für ihr Nervensystem übernommen haben.

Der Rest – und ich sage das ohne Urteil, aber mit Klarheit – reguliert sich auf Kosten anderer. Unbewusst meist. Nicht böswillig. Aber das ändert nichts an der Wirkung.

Ein Hund, der bei sich ist und nicht im Angstmodus, beruhigt dein Nervensystem. Das ist keine Magie. Das ist Biologie.

Co-Regulation. Dein Nervensystem orientiert sich am ruhigsten Nervensystem im Raum. Ein Hund, der entspannt atmet, der seinen Körper schwer macht, der einfach ist – senkt nachweislich deinen Cortisolspiegel, verlangsamt deinen Herzschlag, signalisiert deinem autonomen Nervensystem: Hier ist es sicher.

Kein Mensch hat mir das je so verlässlich gegeben.

Du darfst gehen, wenn es zu viel wird

Und dann – das ist der schwierige Teil – muss man anfangen, dieses Wissen zu respektieren. Auch wenn es unbequem ist. Auch wenn jemand enttäuscht ist. Auch wenn dein inneres Kind flüstert: Aber wenn du jetzt Nein sagst, verlierst du sie.

Ein Hund, der gut sozialisiert ist, geht weg wenn es zu viel wird. Ohne Entschuldigung. Ohne schlechtes Gewissen. Er kommt wieder, wenn er bereit ist.

Hunde haben mir etwas beigebracht: Wir dürfen das auch. Du darfst das. Du gehst, wenn es zu viel wird.

Dorthin, wo dein Nervensystem zur Ruhe kommt. Und dort lernst du, mit einem ruhigen, geerdeten Körper, wie du der Welt begegnest – aus deiner Essenz heraus und nicht aus deiner Angst.

Und genau das ist der Unterschied zwischen einem Leben das dich kostet – und einem Leben das dich trägt.

Nicht die Umstände. Nicht die Menschen um dich herum. Nicht mal die Hochsensitivität selbst.

Sondern: Von wo aus begegnest du der Welt?

Und du?

Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Dass da etwas in dir ist, das größer ist als das, was du täglich lebst. Dass du funktionierst – aber nicht wirklich ankommst. Dass du spürst, wer du sein könntest. Aber nicht weißt, wie du dahin kommst.

Ich habe einen Weg gefunden, das sichtbar zu machen.

Nicht durch einen weiteren Persönlichkeitstest. Nicht durch Theorie. Sondern durch den ehrlichsten Spiegel, den ich kenne.

Einen Hund.

Hier geht es zur Personality Pawrade – und zu der Frage, welcher Hund du wirklich bist.

Sabrina Rahtgens ist Frau Machseinfach und hat 16 Jahre mit ihrer Hündin Phaedra gelebt – und dabei verstanden, was Hunde uns über uns selbst sagen. Aus über 2.500 Begegnungen mit Hunden und ihren Menschen, kombiniert mit Sozialpsychologie, Persönlichkeitsentwicklung und systemischer Arbeit, entstand die dogenius Personality Pawrade – ein Persönlichkeitsmodell das dich wirklich kennt.