Einsam obwohl Menschen da sind – und warum das ein Zeichen von Besserung sein kann
Ich lag völlig entkräftet in einem Hotelzimmer in Varanasi, Indien. Die Stadt der Toten, ironischerweise, mit einer Lebensmittelvergiftung. Neben meinem Bett saßen zwei Menschen, die sich leise unterhielten. Auf Hindi verstand ich kein Wort, aber ich hörte etwas raus: etwas Ruhiges. Liebevolles. Mein Körper hatte sich beruhigt. Weil mein Freund da war. Derjenige, der praktischerweise auch mein Arzt war.
Endlich fühlte ich mich sicher genug, um schlafen zu können – vorher stundenlang unmöglich. Kurz bevor ich einschlief, wurde ich todtraurig. Wie aus dem Nichts.
Vielleicht kennst du das: einsam obwohl Menschen da sind, die dir etwas bedeuten. Menschen, die du liebst. Es schien mir zwar logisch – schließlich war mein Hund in diesem Jahr gestorben, meine Scheidung beschäftigte mich, mein nächster Umzug stand vor der Türe. Aber das hatte alles seinen Raum bekommen. Viel sogar. Und da merkte ich: Diese Traurigkeit gehörte gar nicht in die Kategorie der letzten zwei Jahre. Diese Traurigkeit war viel älter.
Wenn die Traurigkeit kommt, obwohl es gerade besser wird
Kennst du dieses Gefühl? Du hast so gekämpft. So viel durchgestanden. So viele Nächte, in denen du nicht schlafen konntest. Und jetzt, wo es endlich besser wird, rollt diese Welle über dich. Eine Traurigkeit, so tief und schwer, dass sie dich nach unten zieht.
Du sitzt vielleicht gerade am Esstisch, beim Kaffee, im Auto. Einen Moment vorher war noch alles in Ordnung. Und jetzt diese bleierne Schwere.
Was ist los mit mir? Es war doch gerade alles gut.
Es fühlt sich an wie Verrat. Als würdest du rückwärts fallen, genau dann, wenn du endlich nach vorne geschaut hast.
Ich will dir heute sagen: Diese Traurigkeit ist nicht das, wonach sie sich anfühlt. Sie ist nicht der Beweis dafür, dass sich nichts verändert hat. Sie ist genau das Gegenteil.
Was dein Körper die ganze Zeit gemacht hat
In Varanasi lag ich also da, entkräftet, und wurde kurz vor dem Einschlafen todtraurig. Das war das Gefühl von Einsamkeit inmitten von Menschen, die mir etwas bedeuteten. Die ich liebte. Und dieses Gefühl kam aus meiner Ursprungsfamilie, das wusste ich. Das kannte ich. Da war sie also wieder, die alte Bekannte, die vorbeischaut und sagt: „Vergiss aber nicht, dass ich auch noch da bin.“
Was ich damals noch nicht vollständig verstanden hatte – und was die Forschung heute sehr klar beschreibt: Diese Traurigkeit war die ganze Zeit da.
Sie war da, als ich funktionieren musste. Als ich überleben musste. Ich hatte sie nicht gefühlt, weil mein Körper entschieden hatte: Jetzt nicht. Das können wir uns nicht leisten.
Der Traumaforscher Bessel van der Kolk beschreibt in seinem Standardwerk Das Trauma in dir (2014), wie belastende Erfahrungen als körperlicher Abdruck im Nervensystem gespeichert bleiben – nicht als bewusste Erinnerung, sondern als physische Reaktion. Der Alarm im Gehirn schaltet sich nicht ab, auch wenn die reale Gefahr längst vorbei ist.
Der Neurowissenschaftler Stephen Porges erklärt mit seiner Polyvagaltheorie, warum: Wenn wir in Gefahr sind – und emotionale Unsicherheit reicht vollständig aus – schaltet unser Nervensystem in den Überlebensmodus. Im sogenannten Freeze- oder Shutdown-Zustand werden Gefühle buchstäblich eingefroren. Traurigkeit, Wut, Verzweiflung, Angst – alles, was zu groß war, wird weggeschlossen, tief im Körper verstaut. Nicht weil du schwach warst. Sondern weil dein Körper dich geschützt hat.
Warum sie jetzt kommt
Und jetzt passierte in Varanasi etwas Wunderbares: Ich hieß sie herzlich willkommen. Schließlich kannten wir uns schon lange genug, um zu wissen, dass sie zwar real war – aber nicht mein Leben und meine Beziehungen bestimmte. Neben mir saß gerade ein Mensch, der mich gehalten hatte, mir nah war und entschieden hatte, dass ich eine Priorität in seinem Leben war. Als Freundin. Nicht mehr, nicht weniger. Da wusste die alte Einsamkeit, dass sie ein Gegengewicht hatte: Verbundenheit.
Und genau das ist der neurobiologische Schlüssel.
Daniel Siegel, Psychiater und Gehirnforscher, beschreibt mit dem Konzept des Toleranzfensters (Window of Tolerance), dass emotionale Verarbeitung nur möglich ist, wenn das Nervensystem weder übererregt noch abgeschaltet ist. Erst Sicherheit schafft den Raum für Integration. Erst wenn wir wieder in einen Zustand der Sicherheit kommen, hat unser Gehirn die Kapazität, diese eingefrorenen Emotionen zu verarbeiten.
Das ist der Moment, in dem die Traurigkeit hochkommt. Nicht als Rückfall. Sondern als Integration.
Du fühlst diese Traurigkeit jetzt, weil dein Körper dir zutraut, sie zu halten. Weil du jetzt eine innere Stabilität hast, die du damals nicht hattest. Dein Nervensystem spürt, wann es bereit ist.
Du gehst durch einen Trauerprozess, weil du jetzt die Kapazität dafür hast.
Die Impulse zu diesem Thema haben mich auch durch den wunderbaren Carousel-Post von @oliviamarie.ch erreicht – danke für deine klare Sprache dafür.
Einsam obwohl Menschen da sind – und dann doch nicht mehr
Wochen nach Varanasi lag ich wieder in einem Bett, diesmal in Spanien. Meine Mitbewohnerinnen sind auch meine Freundinnen. Seelenfamilie. Lina und Melody haben eine Gewohnheit miteinander: Während Lina zu spanisch-kolumbianischen Zeiten ihr Abendessen kocht (21–22 Uhr) erzählt sie Melody von ihrem Tag. Und umgekehrt. Da liege ich manchmal schon in meinem Zimmer und bin kurz vor dem Einschlafen. Weil mein System um 6 Uhr morgens Party macht und den ersten Kaffee will.
Dafür bin ich nach dem zweiten Kaffee um 10 Uhr auch fit genug, um Lina zuzuhören, wenn sie von ihren Träumen der Nacht erzählt und mich nach meinen fragt. Und was ich so erlebt habe gestern und was heute so ansteht. Bis ins Detail. Bis in die tiefsten Tiefen.
Und eines Tages habe ich gemerkt, dass ich kurz traurig bin dabei. Manchmal. Weil sie wieder da ist. Die Einsamkeit von damals, die diese Form der Verbundenheit gerne gehabt hätte als Kind. Aber die gab es nicht. Und dann steht sie da mit im Raum, um 10 Uhr morgens, während wir in der Küche ayurvedisches Porridge essen, Neroncito (der Hund und der einzige Mann im Haushalt) am Tisch bettelt und Melody auf Französisch Flüche über besoffene Touristen spricht, die selbst im schlimmsten Zustand noch sexy klingen.
Du trauerst um all die Momente, in denen du nicht du selbst sein durftest. Um die Zeit, die verloren ging. Um die Teile von dir, die du aufgeben musstest, um zu überleben. Dieser Schmerz war schon immer da. Du konntest ihn nicht fühlen, solange du nicht sicher warst.
Es reicht ein Mensch in deinem Leben, um deinem tiefsten Schmerz das Gegenteil zu beweisen.
Heilung verläuft in Wellen
Das ist das Wichtigste, was ich nach 17 Jahren Arbeit mit Menschen in Übergängen sagen kann: Heilung verläuft nicht linear. Sie verläuft in Wellen, in Schichten, in Zyklen.
Jede Welle von Traurigkeit, die wirklich durchgefühlt wird, macht Platz für etwas Neues. Für mehr Leichtigkeit. Für mehr Lebendigkeit. Für mehr von dir selbst.
Die Traurigkeit, die hochkommt wenn endlich alles besser wird, ist kein Zeichen, dass du versagst. Sie ist ein Zeichen, dass dein Körper angekommen ist. Dass er sich sicher genug fühlt, um aufzuräumen. Dass du jetzt halten kannst, was du damals nicht halten konntest.
Das ist kein Rückschritt. Das ist Reife.
Mein Weg – und deiner
Ich musste die Welt bereisen und internationale Umzüge machen – nicht weil das der einzige Weg ist, sondern weil Reisen meine Seelenarchitektur ist. So komme ich zu Erkenntnis. Durch Bewegung, durch Fremde, durch das, was aufsteigt wenn der vertraute Boden fehlt.
Du musst das nicht so machen. Aber du brauchst einen Weg, der dir gehört.
Wenn du dich einsam fühlst, obwohl Menschen in deinem Leben sind – dann ist das nicht dein Versagen. Das ist der Anfang einer Frage, die sich lohnt zu stellen.
17 Jahre lang begleite ich Menschen durch genau diesen Moment: den Moment, wo die alte Einsamkeit auftaucht – und zum ersten Mal ein Gegengewicht findet. Nicht weil das Leben plötzlich perfekt ist. Sondern weil du lernst, die Menschen zu erkennen, die wirklich da sind. Und dir zu erlauben, das anzunehmen.
Das ist Re-Belonging.
Ein Wochenende. Einen Monat. Drei Monate. Schreib mir einfach – ich schaue mit dir, was gerade der richtige Schritt ist.
Quellen Bessel van der Kolk: Das Trauma in dir. Junfermann Verlag, 2014. Stephen Porges: Die Polyvagal-Theorie. G.P. Putnam’s Sons, 2017. Daniel Siegel: Das beziehungsvolle Gehirn. Arbor Verlag, 2006.
Sabrina Rahtgens ist Coach, Soziologin und Sozialpsychologin. Unter fraumachseinfach.com begleitet sie Frauen in Lebenssituationen des Wandels – mit 17 Jahren Erfahrung, einem tiefen Verständnis für Nervensystem und Beziehungsmuster und der Überzeugung, dass Authentizität nie das eigentliche Problem war.

